Luthers Taufhemd

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»Eingekleidet in Christus ...«: Taufkleider für gemachte Leute (Gal 3,26f.)
 Eine Predigt von Magdalene L. Frettlöh im Rahmen der feministischen Gottesdienstreihe zum Thema »Kleid«



Die Anmut des Messias Jesus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft der heiligen Geistkraft sei mit uns allen! Amen.

LutherEin Christenmensch, sagt Martin Luther,
ein Christenmensch trägt weiß-rot, genauer: weiß und rot,
nämlich ein reines weißes Unterkleid und ein leuchtendes knallrotes Obergewand.
Und der Wittenberger Reformator ist davon überzeugt: Beides steht uns gut.
Und er erklärt uns, was es mit dieser Kleiderordnung des Reiches Gottes auf sich hat:

I.
Das weiße Unterhemd – das ist das Gewand des Glaubens. Es erinnert uns an unsere Taufe.
Wir tragen es auf der Haut, damit uns die Gewissheit,
Kinder Gottes zu sein, buchstäblich hautnah ist.
In der weißen Hautwäsche geht das Taufkleid mit, hautnah begleitet uns die Erfahrung:
Ich bin Tochter, ich bin Sohn Gottes,
indem ich mein Vertrauen, das selbst ein Geschenk ist, auf Gott setze.
Was im Vertrauen gilt, wird uns in der Taufe sinnlich wahrnehmbar besiegelt:
ich gehöre zu Gott, bin ein Mensch, der Gott recht ist, an dem Gott Freude hat,
ein Mensch, den Gott ausgesprochen gern sieht.

Während das weiße Gewand des Glaubens, des Vertrauens auf Gott
auf der Haut getragen und nicht zur Schau gestellt wird,
soll das rote Kleid dagegen für alle sichtbar sein.
Mit ihm sollen wir ausgehen, uns unter die Leute begeben.
Kräftig soll es leuchten: das feuerrote Linnen der Liebe.
Einander lieb zu haben – das ziert uns, das ehrt uns. Das müssen wir nicht verbergen.
Es ist die Liebe, in der unser Glaube Gestalt gewinnt,
sinnlich erfahrbar wird und mit Händen zu greifen ist.
In der Liebe ist unser Glaube energisch, voller Tatkraft.
Liebend tragen und ertragen wir uns gegenseitig.
Liebend verzeihen wir einander und nutzen die Schwächen der anderen nicht aus. Denn:
»Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.«
Das Kleid der Liebe – es ist aus vielen Fäden gewebt.
Mit dem Kleid der Liebe schmücken uns, wie wir eben in der Lesung gehört haben:
etwa »herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld«,
und ebenso Wahrhaftigkeit, Nüchternheit, Besonnenheit, Nachsicht, Achtsamkeit ...

Christinnen und Christen tragen rot und weiß –
darin zeigt sich ihre Identität als Töchter und Söhne Gottes.
Versuchen wir für heute, der Bedeutung des weißen Untergewandes und mit ihm
der Bedeutung des Taufkleides und seiner Bildwelt auf die Spur zu kommen.
Wir werden dabei das rote Kleid nicht aus den Augen verlieren!

II.
In diesen Wochen der Fußball-EM und allemal heute am Tag des Finales
ist ja nicht zu übersehen, wie sehr ein farbiges Stück Stoff zur Identifikation einlädt,
einer kollektiven Identität Ausdruck verleiht und Menschen miteinander verbindet.
Eine Nation zeigt Flagge und manch' ein Fan hüllt sich ganz und gar darin ein,
trägt sie wie ein Kleid, bisweilen auch wie eine zweite Haut.
Auch alltagsweltlich ist uns die Erfahrung vertraut: Kleidung und Identität hängen zusammen.
Wer von uns kennt nicht das Bedürfnis, sich etwas Schönes zum Anziehen zu kaufen,
wenn es ihr oder ihm nicht gut geht. Denn das wissen wir ja: ein neues Outfit –
das kann uns aus einem Tief herausholen, das stellt uns auf.
Wenn uns etwas kleidet, gut steht, dann fühlen wir uns wohl in unserer Haut.
Und mit dem Ablegen der alten Klamotten lassen wir bisweilen auch das zurück,
was uns beschwert und zu schaffen gemacht hat.
Und nicht nur unsere Selbstwahrnehmung ändert sich,
auch unsere Mitmenschen schauen uns anders an.
Nicht erst seit Gottfried Keller oder »Pretty woman« heißt es: »Kleider machen Leute.«
Doch ist das wirklich so?

III.
Taufkleider jedenfalls machen keine Leute, sondern sie sind Gewänder für gemachte Leute.
Darum sollten sie übrigens auch erst im Vollzug der Taufe angezogen werden.
Taufkleider für gemachte Leute –
lassen wir uns vom Apostel Paulus auf die Sprünge helfen, was damit gemeint ist.
Ich lese als Predigttext die Verse 26-28 aus dem 3. Kapitel des Briefes an die Gemeinden
in Galatien nach der Verdeutschung der »Bibel in gerechter Sprache«:

»Ihr alle nämlich seid Gottes Kinder im Messias Jesus durch das Vertrauen.
Denn alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid.
Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei,
da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.«

Was für ein wundersames Taufkleid begegnet uns da!
Ihr habt, so schreibt Paulus den galatischen Christinnen und Christen,
ihr habt den Messias, den Christus angezogen wie ein Kleid.
Der kleidet euch nun, in den seid ihr eingehüllt.
Das Christuskleid schützt euch nicht einfach nur vor Kälte
oder dem entblößenden Blick der anderen.
Nein, diese Einkleidung ist ein ganz feierlicher Akt;
mit ihr bekommt ihr einen neuen Status, werdet ihr eingesetzt in eine neue Rolle –
gleichsam wie bei der Investitur in ein Amt:
Eingekleidet in Christus, den Sohn Gottes, seid auch ihr Töchter und Söhne Gottes.

IV.
Wenn die Bibel (tauftheologisch) auf die Metapher des Kleides zurückgreift,
dann stellt sich die Frage der Identität viel radikaler als bei jedem Kleiderwechsel
in unseren alltags- und sonntagsweltlichen Lebensbereichen.
Das Bekleidetwerden mit Christus verändert die Eingekleideten nicht nur äußerlich,
sondern macht sie ganz und gar, mit Haut und Haar zu neuen Menschen:
»Wenn also jemand in Christus [eingekleidet] ist, dann ist das neue Schöpfung;
das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden«, schreibt Paulus nach Korinth.
Das Christuskleid liegt nicht nur auf der Haut, es geht auch unter die Haut;
es bekleidet nicht nur den äußeren, sondern auch den inneren Menschen,
legt sich um unser Herz, unsere Nieren, unsere Eingeweide ...
und lässt sich darum nicht einfach abstreifen wie Kleider sonst.
Sie merken: die Kleid-Metapher ist zum Bersten überspannt.
In Christus Eingekleidete sind ihrer alten Identität entkleidet.
Mit dem neuen Gewand ist ihnen eine neue Identität geschenkt.
Sie müssen nicht erst selbst etwas aus sich machen,
sich nicht selbst verwirklichen und selbst behaupten,
sich nicht selbst rechtfertigen und selbst sichern.
Sie sind wer, sind gemachte Leute – VIPs in den Augen Gottes, vor jedem eigenen Tun,
vor jeder eigenen Anstrengung und Leistung – aus Gottes Grazie allein.
Menschen, die ihr Vertrauen in diesen Gott setzen,
sind eben keine ›selfmade women and men‹, sondern beschenkte, begabte Geschöpfe:
»Gott, ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin«,
haben wir eingangs mit der Beterin des 139. Psalms bekannt.
Mit Christus bekleidet sind wir Gottes Ikonen, lebendige Bilder der lebendigen Gottheit.

V.
Denn alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid.

Unsere Taufkleider repräsentieren dieses eine Christus-Kleid,
das alle schmückt, die in Jesus auf Gott vertrauen:

»Ich bin ganz neu geschmücket / mit einem schönen Kleid, /
gezieret und gesticket / mit Heil und G'rechtigkeit« –

so werden wir nach der Predigt singen und eine Ahnung davon bekommen,
wie wir uns dieses Christuskleid vorzustellen haben.
Eingekleidet in Christus umhüllt und erfüllt uns Gottes Gerechtigkeit.
Diese Einkleidung uniformiert nicht, sondern sie heilt,
macht uns zu heilig-heilen Menschen, dass wir selbst anderen heilsam begegnen können.
Diese Einkleidung hebt die Hierarchien zwischen den Menschen auf,
gibt jeder und jedem Würde und Gewicht.
Herkunft und gesellschaftliche Stellung, Rang, Ruf und Geschlecht
klassifizieren die mit Christus Bekleideten nicht länger.
Das Christuskleid macht Schluss mit dem Schubladendenken, mit Klischees und Stereotypen,
räumt auf mit den Vorurteilen und Verurteilungen, mit denen wir einander begegnen,
auch und gerade den Geschlechterrollen-Klischees:
   
    »Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei,
da ist nicht männlich und weiblich ...«
   
Das Christuskleid macht uns, wie Brigitte Kahl so eindrücklich übersetzt hat,
»einzig-einig« – je geliebt, geachtet, wertgeschätzt gehören wir – nicht von Haus aus,
aber in Christus – zusammen: »... denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.«
Das Christuskleid verbindet uns zu einer Gemeinschaft der buchstäblich Gut-Betuchten.
Diese schöpferische Einkleidung, die uns zu neuen Menschen macht,
findet im Taufkleid ihr liturgisches Symbol.

VI.
Das Taufkleid ist einmalig – wie die Taufe selbst.
Doch gerade was einmalig ist, bedarf der Erinnerung, des Gedächtnisses,
soll es nicht verblassen und seine Kraft verlieren.
Der heutige 6. Sonntag nach Trinitatis wird in unserer Kirche
als Tauferinnerungsfest begangen.
Die Taufe ist einmaliges Geschehen und lebenslänglicher Prozess zugleich.
Und so kommt zum einmaligen Bekleidetwerden mit Christus,
mit dem weißen Kleid des Glaubens, der je neue alltägliche Kleiderwechsel:
das Ablegen des alten und das Anziehen des neuen Kleides, des roten Kleides der Liebe,
das Ausziehen des alten Menschen und das Sich-Bekleiden mit dem neuen Menschen.

Und eben dazu lädt uns die biblische Taufkleid-Metapher ein:
Legt doch die alten Klamotten ab, tragt doch das schmucke Ehrenkleid.
Es steht euch gut, es kleidet euch vortrefflich, fühlt euch darin wohl!
Lasst es euch zu einer zweiten Haut werden, damit immer mehr an den Tag kommt,
wer ihr seid: Töchter und Söhne Gottes, lebendige Bilder der Schöpferin, ihr alle!
Ihr seid in Christus eingekleidet, darum legt die längst aus der Mode gekommenen
Kleidungsstücke ab: »... Bosheit, üble Nachrede, schmähende Worte«, »sexuelle Verletzung,
[...] böse Begierde, Geldgier, [...] Lüge« – das alles steht euch nicht mehr.
Weil ihr das Christuskleid schon tragt, könnt ihr getrost die alten Klamotten wegtun!
Ihr braucht keine Angst zu haben, nackt dazustehen, wenn ihr das alte Zeug ablegt.
Und sorgt euch nicht, dass die neuen Kleider ein paar Nummern zu groß
oder allzu exquisit sein könnten! Die Haute Couture der Liebe,
gewebt aus den Fasern des neuen Menschseins,
ist euch als Töchtern und Söhnen Gottes auf den Leib geschnitten.
Als gemachte Leute könnt ihr sie ausgesprochen gut tragen,
denn sie geben eurem In-Christus-Eingekleidet-Sein Ausdruck.
Hätte Julia Roberts jemals so atemberaubend schön in ihrem roten Abendkleid ausgesehen,
wenn sie nicht zuvor die Erfahrung von Anerkennung und Liebe gemacht hätte?!

VII.
Christenmenschen tragen weiß und rot – und es kleidet sie prächtig.
Das weiße Unterkleid schenkt uns die Gewissheit: Ich bin ein neuer Mensch.
Das rote Kleid traut und mutet uns zu: Lebe das, was du bist!
So soll auch dieser Gottesdienst uns an beides erinnern:
Ein weißes Band – Symbol für das Christuskleid, das uns einzig-einig und Gott recht macht;
ein rotes Band darüber – Symbol für das rote Kleid der Liebe.
Ich lade Sie ein, nach dem gemeinsamen Lied zu den Klängen des Akkordeons
hier vorn zum Taufbecken zu kommen und sich dieses rot-weiße Doppelsymbol zu holen.
Sie können es sich selbst oder einander anstecken. Es wird Ihnen gut stehen.

Christenmenschen tragen weiß und rot, denn sie sind

»ganz neu geschmücket / mit einem schönen Kleid,
gezieret und gesticket / mit Heil und G'rechtigkeit.«
Amen – das werde wahr.